Brauche ich als Bauprodukthersteller EPDs? Spoiler: Ja.

Nachhaltigkeit
Erstellt: 25.01.25 Aktualisiert: 08.03.26 Lesezeit: 4 Minuten Autor:in: Saskja Jagenteufel
Hände halten ein Tablet mit einem digitalen Dokument über Umweltproduktdeklarationen (EPDs) vor dem Hintergrund einer keramischen Vase.

Auf einen Blick

  • EPDs werden zum regulatorischen Standard: Ab 2027 ist die Offenlegung der Klimawirksamkeit von Bauprodukten verpflichtend, ab 2028 müssen große Neubauten eine Lebenszyklus-Ökobilanz ausweisen.
  • Klarer Wettbewerbsvorteil: 85 % der Hersteller erstellen EPDs aufgrund von Kundennachfrage. Große Architekturbüros fragen Umweltproduktdeklarationen bereits standardmäßig in der frühen Planungsphase ab.
  • Firmenspezifische EPDs statt Branchen-EPDs: Individuelle Deklarationen ermöglichen eine gezielte Differenzierung über nachhaltige Produkteigenschaften und liefern belastbare Daten für die Nachhaltigkeitskommunikation.
  • Jetzt interne Prozesse optimieren: Automatisierte EPD-Tools und KI-gestützte Lösungen senken langfristig Kosten und Aufwand. 58 % der Hersteller nutzen EPD-Daten bereits zur Optimierung ihrer Produktionsprozesse.
Inhaltsverzeichnis

    First things first: Was ist eine EPD?

    Eine Environmental Product Declaration (EPD) ist eine standardisierte, extern geprüfte Umweltproduktdeklaration. Kurz gesagt: Sie macht die Umweltauswirkungen eines Baustoffs oder Produkts nach einheitlichen, branchenweit gültigen Regeln transparent. 

    Für Planer:innen sind EPDs ein wichtiges Werkzeug für nachhaltige Entscheidungen, weil sie belastbare Daten zur Ökobilanz eines Produkts liefern – von der Herstellung über die Nutzung bis hin zum Recycling. Sie sind außerdem essenziell für die ökologische Bewertung von Gebäuden, etwa im Rahmen einer Lebenszyklusanalyse (LCA). In Deutschland sind sowohl herstellerspezifische EPDs als auch generische Ökobilanz-Daten öffentlich in der Ökobaudat (eine staatliche Datenbank für Umweltinformationen von Bauprodukten) abrufbar und werden regelmäßig aktualisiert.

    EPDs sind also kein Nice-to-have, sondern ein Muss

    Die Nachfrage nach Umweltproduktdeklarationen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Warum?

    • Weil EPDs der kleinste gemeinsame Nenner sind, um Architekturbüros mit vergleichbaren Umweltinformationen zu versorgen.
    • Weil sich Planer:innen im Dickicht der Umweltlabels gerne an EPDs orientieren, um fundierte Entscheidungen zu treffen.

    Kein Wunder also, dass 85 Prozent der Bauprodukthersteller in der DGNB/BPIE-Bestandsaufnahme angeben, dass sie EPDs vor allem wegen der Kundennachfrage erstellen. Besonders relevant sind sie für Gebäudezertifizierungen, bei denen Umweltkennwerte eine Rolle spielen.

    Und die Entwicklung geht weiter:

    • Ab 2027 wird die Offenlegung der Klimawirksamkeit von Bauprodukten verpflichtend.
    • Ab 2028 müssen große Neubauten eine Lebenszyklus-Ökobilanz ausweisen.

    Damit wird die EPD von einer freiwilligen Maßnahme quasi zu einem regulatorischen Standard. Gespräche mit unserem hej.build Architekturbeirat bestätigen diesen Trend: EPDs sind heute ein entscheidendes Kriterium, um Bauprodukte in der frühen Planungsphase zu bewerten. Große Architekturbüros wie HPP Architekten (Düsseldorf) oder Lendager (Kopenhagen) fragen diese Infos bereits standardmäßig ab – entweder im ersten Gespräch oder online.

    Lohnt sich die Erstellung von EPDs für Hersteller schon jetzt?

    Laut der Bestandsaufnahme von DGNB und BPIE gibt es drei zentrale Vorteile:

    1. 27 Prozent der Hersteller beobachten eine höhere Nachfrage nach Produkten, die eine EPD haben. Ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber den Produkten und Herstellern, die (noch) keine EPD haben.
    2. 75 Prozent nutzen die Ökobilanz-Daten aktiv für ihre Umweltkommunikation. Nachhaltige Produkte lassen sich so besser positionieren.
    3. Und eigentlich der erfreulichste Aspekt: 58 Prozent der Hersteller optimieren ihre Produktionsprozesse auf Basis der EPD-Daten. Teils werden erst durch die systematische Erfassung Materialeinsparpotenziale und CO₂-Reduktionsmöglichkeiten sichtbar.

    Trotzdem haben längst nicht alle Produkte eine EPD. Warum?

    • Hohe Kosten: Eine EPD zu erstellen kostet im Schnitt zwischen 5.000 und 20.000€, wobei der größte Anteil für Ökobilanz-Dienstleister anfällt – eigene Personalkosten nicht eingerechnet.
    • Fehlende interne Daten: Viele Hersteller haben Probleme, die notwendigen Daten intern zu erheben. Dadurch ziehen sich die Prozesse in die Länge und kosten noch mehr Geld.
    • Lange Bearbeitungszeiten: Engpässe bei Prüfstellen können den Prozess um Monate verzögern.

    Was können Hersteller jetzt also tun?

    Dranbleiben und eine mittelfristige Strategie entwickeln: Umweltproduktdeklarationen sollten mindestens für die wichtigsten Produkte erstellt werden. Gleichzeitig ist es wichtig, interne Prozesse so zu optimieren, dass relevante Daten standardisiert erfasst und nicht erst mühsam zusammengestellt werden müssen. Und apropos Standardisierung: Trotz hoher Anfangsinvestitionen setzen immer mehr Unternehmen auf automatisierte Lösungen. Bereits 40 Prozent der befragten Hersteller nutzen EPD-Tools, um den Aufwand zu reduzieren und die Berechnung der Ökobilanzdaten zu erleichtern. Diese digitalen Werkzeuge senken langfristig die Kosten pro Produkt und machen den gesamten Prozess effizienter.

    Und auch künstliche Intelligenz wird künftig eine wichtige Rolle spielen. Startups wie Emidat arbeiten bereits an Lösungen, die »normkonforme und automatisch verifizierte EPDs mit wenigen Klicks« ermöglichen und damit den nächsten Schritt in Richtung standardisierter und einfacher zugänglicher Umweltinformationen für Bauprodukte gehen.

    Branchen-EPD oder individuelle Deklaration? Der Trend ist klar.

    Und einen wichtigen Aspekt möchten wir Ihnen noch mit auf den Weg geben: Mit steigender Nachfrage an Umweltproduktdeklarationen zeigt sich ein klarer Wandel: weg von allgemeinen Branchen-EPDs hin zu firmenspezifischen Deklarationen. Während eine Branchen-EPD lediglich Durchschnittswerte für ein Material oder Produkt angibt, ermöglichen individuelle EPDs eine genauere Differenzierung über nachhaltige Produkteigenschaften. Hersteller, die sich im Markt klar positionieren möchten, brauchen belastbare, spezifische Umweltkennzahlen, die sie nicht mit Wettbewerbern aus der Branche teilen.

    Doch nicht nur die Nachfrage steigt, auch die Regulierung zieht nach: Die Green Claims Directive der EU legt fest, dass für Bauprodukte mit Umweltversprechen künftig nachprüfbare Ökobilanzen erforderlich sind. Nachhaltigkeitskommunikation wird dadurch transparenter – und für Hersteller, die bereits heute auf belastbare Daten setzen, zu einem echten Wettbewerbsvorteil.

    Wir bieten übrigens individuelle Schulungsreihen für Marketing- und Vertriebsteams an, um Know-how rund um nachhaltige Kommunikation und den gezielten Einsatz von Umweltkennzahlen aufzubauen. Ob grundlegendes Wissen, produktspezifische Anforderungen oder der Zusammenhang mit Gebäudezertifizierungen: Wir passen die Inhalte gerne flexibel an Ihre Bedürfnisse an. Bei Interesse kontaktieren Sie uns.

    * Wie wurde die Studie durchgeführt? Die Studie kombiniert eine Umfrage unter Bauproduktherstellern, die Auswertung der Ökobaudat, die Analyse relevanter Regelwerke und Interviews mit Expert:innen. Im Juli 2024 wurden rund 200 Unternehmen befragt, 59 haben geantwortet – darunter vor allem Großunternehmen. Ziel war es, belastbare Daten zu den Herausforderungen, Kosten und Chancen von EPDs zu erheben.

    Häufige Fragen zum Artikel

    Welche Produkte sollten wir zuerst mit einer EPD ausstatten?
    Starten Sie mit den Produkten, die den größten Umsatzanteil im Objektgeschäft haben und regelmäßig in Ausschreibungen oder Gesprächen mit Architekturbüros auftauchen. Auch Produkte, die in zertifizierungsrelevanten Projekten (z. B. DGNB, BNB, LEED) eingesetzt werden, sollten priorisiert werden. So erzielen Sie mit dem ersten Investment den größten Hebel im Vertrieb.
    Wie können wir EPD-Daten konkret in unserer Marketingkommunikation einsetzen?
    EPD-Daten lassen sich in Produktdatenblättern, BIM-Objekten, auf Produktseiten und in Nachhaltigkeitsberichten integrieren. Wichtig: Mit der kommenden Green Claims Directive der EU müssen Umweltversprechen künftig durch nachprüfbare Daten belegt werden. Wer jetzt schon EPD-basiert kommuniziert, ist rechtlich auf der sicheren Seite und baut Vertrauen bei Planer:innen auf.
    Lohnt sich der Aufpreis für eine firmenspezifische EPD gegenüber einer Branchen-EPD?
    In den meisten Fällen ja, denn eine Branchen-EPD bildet nur Durchschnittswerte ab und macht Ihre individuellen Produktvorteile unsichtbar. Wenn Ihre Produkte z. B. einen höheren Recyclinganteil oder eine energieeffizientere Fertigung aufweisen, wird das nur in einer firmenspezifischen EPD sichtbar. Gerade im Wettbewerb um Ausschreibungen und bei der Positionierung gegenüber Architekturbüros ist diese Differenzierung entscheidend.
    Welche internen Daten müssen wir für die EPD-Erstellung vorbereiten?
    Typischerweise werden Daten zu Rohstoffeinsatz, Energieverbrauch in der Produktion, Transportwegen, Verpackung und Entsorgungsszenarien benötigt. Der häufigste Engpass ist, dass diese Daten über verschiedene Abteilungen verstreut sind und nicht standardisiert vorliegen. Es lohnt sich, frühzeitig eine zentrale Datenerfassung aufzusetzen, damit die Erstellung weiterer EPDs deutlich schneller und günstiger wird.
    Ab wann sollten wir den EPD-Prozess starten, um 2027 vorbereitet zu sein?
    Rechnen Sie mit einem Zeitraum von 6 bis 12 Monaten von der internen Datenerhebung bis zur veröffentlichten EPD, bei Engpässen bei Prüfstellen auch länger. Das bedeutet: Wer 2027 mit belastbaren Deklarationen am Markt sein will, sollte spätestens Anfang 2026 mit der Datenaufbereitung beginnen. Nutzen Sie die verbleibende Zeit, um interne Prozesse zu strukturieren und passende EPD-Tools oder Dienstleister zu evaluieren.