Blickfang oder Barriere? Was Messestände anziehend macht und was nicht

MesseZielgruppe
Erstellt: 20.05.25 Aktualisiert: 08.03.26 Lesezeit: 5 Minuten Autor:in: Saskja Jagenteufel
Messestand von Camira auf der ORGATEC 2022: farbenfrohe Wandgestaltung mit geometrischen Textilflächen in Orange-, Braun- und Rottönen, kombiniert mit modernen Möbeln, Barhockern und Pendelleuchten.

Auf einen Blick

  • Der erste Eindruck entscheidet: Eine offene, intuitive Standgestaltung wirkt einladend, Barrieren und starre Wegeführung schrecken ab.
  • Das Standpersonal ist entscheidend: Gleichmäßig verteilte, nahbar gekleidete Mitarbeiter:innen wirken sympathischer als formale Gruppen im klassischen Anzug.
  • Weniger ist oft mehr: Minimalistische Konzepte wie der Geberit-Stand auf den Design Days zeigen, dass Zurückhaltung zum Blickfang werden kann.
  • Interaktive Elemente erleichtern den Erstkontakt: Bewegliche Installationen oder anfassbare Produkt-Mockups ziehen Besucher:innen an.
  • Standlage strategisch wählen: Ein abgelegener Platz spart Geld, birgt aber das Risiko, dass Besuchende schlicht vorbeigehen.
Inhaltsverzeichnis

    Die Messehallen öffnen ihre Tore und im besten Fall strömen die Besucher:innen direkt zu Ihrem Stand. Doch was entscheidet in den ersten Sekunden darüber, ob sie an Ihrem Stand verweilen oder weiterziehen? Ist es das Standpersonal, das Design oder die Inszenierung Ihrer Produkte? In diesem Artikel legen wir den Fokus auf die Psychologie des ersten Eindrucks und werfen einen genaueren Blick auf die (No)Gos, auf die Sie achten sollten.

    Dieser Artikel ist ein Auszug aus unserem Praxis-Guide »Messe heute, Messe morgen«. Der Guide bündelt Erkenntnisse aus 16 Tiefeninterviews mit Branchenvertreter:innen und einer quantitativen Studie unter über 125 (Innen-) Architekt:innen. Ziel ist es, Bauproduktherstellern konkrete Tipps und Strategien an die Hand zu geben, um Messeauftritte wirksamer zu gestalten.

    »Wenn der Stand aussieht wie ein Tante-Emma-Laden, fragen wir uns schon, ob das Produkt dann auch gut ist.«

    Christiane Will, MÄCKLER Architekten

    Lage, Lage, Lage

    Ein optimales Standkonzept beruht auf mehreren Säulen. Die strategische Vorbereitung dazu behandeln wir ausführlich in unserem Praxis-Guide. Ein ebenso entscheidender Faktor, den wir hier betrachten, ist die Lage, die oft vom Budget beeinflusst wird. Prominente Plätze sind deutlich teurer als die Randbereiche, aber ein abgelegener Standort birgt das Risiko, dass Besuchende schlichtweg an Ihnen vorbeilaufen. Überlegen Sie daher gut, ob ein Randplatz wirklich sinnvoll ist, oder ob eine mittlere Kategorie langfristig strategisch die bessere Wahl ist.

    Das diffuse Bauchgefühl

    Der erste Eindruck ist oft intuitiv. Besuchende möchten sich eingeladen, aber nicht bedrängt fühlen. Eine offene Standgestaltung trägt maßgeblich dazu bei. Hier einige konkrete Tipps:

    • Offene Gestaltung: Setzen Sie auf transluzente Materialien oder fließende Stoffe, um Räume zu schaffen, ohne sie abzugrenzen.
    • Einbahnstraßen vermeiden: Vermeiden Sie starre Wegeführung und geben Sie den Besuchenden die Freiheit, sich selbstständig zu orientieren.
    • Ruhezonen einplanen: Schaffen Sie Bereiche, in denen sich die Besuchenden ganz bewusst zurückziehen und sich erholen können vom trubeligen Messegeschehen.
    • Orientierungshilfen: Schaffen Sie ein intuitives Wegeleitsystem innerhalb Ihres Messestandes. Für größere Stände bieten visuelle Hinweise wie Wegweiser oder Farbcodierung (Boden, Wand, Decke) eine intuitive Navigation. Logisch strukturierte Produktbereiche mit klar lesbaren Beschriftungen unterstützen ebenfalls. Einige Hersteller sortieren ihre Produkte beispielsweise in thematischen Inseln, die durch kurze Wege intuitiv miteinander verbunden sind. Auch ein gut sichtbarer Infopunkt mit digitaler Karte kann ein guter Ausgangspunkt für die Erkundung des Messestandes sein.

    Case Study: Ein Blickfang kann auch minimal sein. Geberit auf den Design Days 2023

    Dass auch ein zurückhaltender Stand zum Blickfang werden kann, beweist Geberit auf den Design Days 2023 in Katowice. In Zusammenarbeit mit hanczar studio wurde ein puristisches Konzept realisiert, das Licht als zentrales Gestaltungselement in den Mittelpunkt stellte. Die vollständig in Blau gehaltene Installation präsentierte das Produktportfolio auf einer verspiegelten Oberfläche, die den Raum optisch erweiterte und eine ruhige, einladende Atmosphäre schuf.

    Der Stand überzeugt durch seine klare und offene Gestaltung, die den Besuchenden Orientierung und Bewegungsfreiheit ließ. Ressourcenschonung und Wiederverwendbarkeit wurden bei diesem Konzept groß geschrieben: Der Stand ist modular gestaltet und kann mit minimalem Materialeinsatz und geringem Transportaufwand an verschiedenen Orten erneut genutzt werden. Die Ausstellung kam unter anderem bei der Konferenz »Shigeru Ban and Architecture for Refugees« in Warschau zum Einsatz. Und trotzdem, oder gerade deswegen, bleibt er in Erinnerung.

    Installation ROTA ET SPECULUM von Geberit, gestaltet vom hanczar studio: Sanitärkeramik auf einer großen Spiegelplatte, inszeniert in blauem Licht
    Geberit, ROTA ET SPECULUM Installation (Design: hanczar studio, Foto: Dagmara Maroszek-Bździuch)

    Boutique oder Gated Community?

    Ein Messestand ist wie eine Boutique. In unseren Tiefeninterviews haben wir herausgefunden, dass Exklusivität aber auch abschreckend wirken kann, und das gilt es zu vermeiden. Die Besuchenden sollten sich frei orientieren können, ohne das Gefühl zu haben, beobachtet zu werden. Klare Leitsysteme helfen dabei, dass Besuchende sich selbst zurechtfinden und den Stand ohne Druck erkunden können. Gleichzeitig sollte der Stand aber auch genügend Raum bieten, damit niemand das Gefühl hat, sich durch enge Passagen quetschen zu müssen.

    Interaktive Elemente können dabei helfen, den Erstkontakt zu erleichtern. Bewegliche Installationen, wie ein Roboter, der ein Produkt präsentiert oder kleine Demonstrationen durchführt, ziehen die Blicke auf sich. Auch Produkt-Mockups, wie beispielsweise ein maßstabsgetreues Fensterprofil, machen komplexe Themen »anfassbar«.

    »Ich finde es unangenehm, wenn mehr Personal an einem Messestand anwesend ist als Kundinnen und Kunden.«

    Christine Klug, assmann gruppe

    Übrigens spielt auch die Anzahl und die Positionierung des Messestand-Teams eine wichtige Rolle.

    Verteilen Sie das Team gleichmäßig, statt es in Gruppen stehen zu lassen. Einzelne, offen stehende Mitarbeiter:innen, die freundlich begrüßen, wirken einladender als Cluster. Und wie viel Personal brauche ich pro Messestand? Als grober Richtwert gilt: Eine Person pro 5 bis 15 Quadratmeter. Die genaue Anzahl hängt jedoch stark vom Konzept ab: Kleine Stände, wie beispielsweise auf der Architect At Work, sollten von maximal zwei Personen betreut werden. Ein 30 Quadratmeter großer Stand kann, je nach Thema, auch drei bis vier Personen sinnvoll einbinden.

    »Warum gibt es auf Messen immer noch so viele Herren im klassischen blauen Anzug mit roter Krawatte? Das wirkt auf mich eher abschreckend.«

    Wiebke Ahues, LXSY

    Der Einfluss von Kleidung

    Die Kleidung des Messestands beeinflusst den ersten Eindruck. Wie Wiebke Ahues treffend beschreibt, wirken traditionelle Messe-Outfits wie Anzüge mit roter Krawatte oft distanziert und unnahbar. Besonders der weibliche Anteil der Besuchenden fühlt sich häufig von zu formeller Kleidung abgeschreckt. Stattdessen sollte die Kleidung zur Markenbotschaft und Zielgruppe passen. Möchten Sie nahbar und sympathisch auftreten oder doch eher eine professionelle Distanz wahren? Die Kleidung Ihres Messeteams kann hier einen großen Einfluss drauf haben. Und damit meinen wir nicht, dass alle einen schwarzen Rollkragenpulli tragen müssen, um den pauschalen Designansprüchen der (Innen-)Architekt:innen gerecht zu werden. Wichtig ist vor allem, dass sich das Team wohlfühlt und nahbar wirkt.

    Fazit

    Der erste Eindruck entscheidet darüber, ob Besucher:innen an Ihrem Stand verweilen oder weiterziehen. Eine offene, intuitive Standgestaltung wirkt einladend, während Barrieren oder zu viele Mitarbeitende an einem Ort abschrecken. Auch die Kleidung und Präsenz Ihres Teams spielen eine wichtige Rolle: Nahbare Outfits und eine freundliche Ansprache wirken sympathischer als zu formales Standpersonal. Und nicht zuletzt: Weniger ist oft mehr. Minimalistische Stände wie der von Geberit zeigen, dass Zurückhaltung zum absoluten Eyecatcher werden kann.

    Weitere Insights finden Sie in unserem Praxis-Guide »Messe heute, Messe morgen«.

    Häufige Fragen zum Artikel

    Wie viel Budget sollte ich für die Standlage einplanen im Verhältnis zum Gesamtbudget?
    Eine pauschale Zahl gibt es nicht, aber als Faustregel gilt: Die Standmiete macht oft 30 bis 40 Prozent des Gesamtbudgets aus. Investieren Sie lieber in eine mittlere Lage mit gutem Laufpublikum, statt das gesparte Geld eines Randplatzes in aufwendige Standbauten zu stecken, die niemand sieht. Ein gut platzierter, reduzierter Stand schlägt einen spektakulären Stand in der hintersten Ecke.
    Wie kleide ich mein Standteam, ohne beliebig oder unprofessionell zu wirken?
    Setzen Sie auf ein einheitliches, aber nahbares Erscheinungsbild: hochwertige Basics in abgestimmten Farben, die zu Ihrer Marke passen, wirken professionell und gleichzeitig zugänglich. Vermeiden Sie den klassischen Anzug-Krawatte-Look ebenso wie zu legere Freizeitkleidung. Ein gut sichtbares, dezentes Branding, etwa ein gesticktes Logo oder ein farblich abgestimmtes Accessoire, hilft Besucher:innen zusätzlich, Ihr Team schnell als Ansprechpartner:innen zu erkennen.
    Welche interaktiven Elemente funktionieren auch mit kleinem Budget auf kompakten Messeständen?
    Sie brauchen keinen Roboter, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Anfassbare Produktmuster in verschiedenen Ausführungen, ein gut inszeniertes Materialregal zum Selbsterkunden oder ein simples digitales Tool, mit dem Besucher:innen Konfigurationen ausprobieren können, reichen oft aus. Entscheidend ist, dass das Element zum eigenständigen Entdecken einlädt und so den Gesprächseinstieg für Ihr Team erleichtert.
    Ab welcher Standgröße lohnt sich ein eigenes Wegeleitsystem?
    Ab etwa 50 Quadratmetern wird ein durchdachtes Leitsystem spürbar relevant, weil Besucher:innen dann nicht mehr auf einen Blick erfassen können, was wo zu finden ist. Bei kleineren Ständen reicht eine klare thematische Zonierung mit gut lesbaren Beschriftungen. Wichtig ist in beiden Fällen: Die Struktur muss intuitiv funktionieren, ohne dass jemand vom Standteam sie erklären muss.
    Wie messe ich nach der Messe, ob mein Standkonzept tatsächlich funktioniert hat?
    Zählen Sie nicht nur Leads, sondern erfassen Sie auch die Verweildauer und die Qualität der Gespräche, etwa durch kurze Feedbackbögen Ihres Standteams nach jedem Messetag. Vergleichen Sie die Anzahl der Spontanbesucher:innen mit der Zahl der vorab vereinbarten Termine, um zu sehen, wie stark Ihr Stand auch »im Vorbeigehen« gewirkt hat. Diese Daten helfen Ihnen, beim nächsten Mal gezielt an Gestaltung, Personalverteilung oder Lage zu justieren.